Ein Gastbeitrag von Prof. Joachim Wuermeling
Der digitale Euro kommt. Die Europäische Zentralbank arbeitet mit Hochdruck an der Vorbereitung. Ein erster Pilot soll nächstes Jahr getestet werden. Der Go-Live ist für 2029, also in weniger als drei Jahren, geplant. Der europäische Gesetzgeber feilt derweil an den letzten Feinheiten des Designs.
Die politische Debatte kreist dabei derzeit nur um wenige sensible Einzelaspekte, etwa den Datenschutz und die Zukunft des Bargelds. Doch „digitales Cash“ ist mehr als ein weiteres Zahlungsmittel. Es ermöglicht Innovationen, die hochrelevant sind für den Handel, die Industrie und Dienstleistungen in Deutschland und im Euroraum. Warum?
Digitales Geld ist herkömmlichem Geld überlegen
Die Digitalisierung von Geld ermöglicht seinen direkten Transfer in Form eines verschlüsselten Datenpakets, eines „Tokens“, über das Internet. Bei der heutigen „digitalen“ Bezahlung mit der Karte oder im Onlinebanking werden hingegen digital nur Informationen an die klassischen Kontosysteme gegeben, in denen die Transaktionen real ausgeführt werden. Ähnlich wie bei der Digitalisierung von Briefen in E-Mails oder von Informationen in Webseiten hat digitales Geld Funktionalitäten, die dem traditionellen Geld überlegen sind. Digitales Geld kann in End-to-End-Prozesse integriert werden. Der Transfer ist 24 Stunden an sieben Tagen der Woche möglich. Die Übertragung geschieht in Echtzeit und kostet nur einen Bruchteil von herkömmlichen Zahlungen.
Das Innovationspotenzial ist erheblich
Das ermöglicht neue Geschäftsmodelle, verbreitert den adressierbaren Markt, verringert das Geschäftsrisiko, hebt die Effizienz und spart Kosten. So wird Pay-per-Use wirtschaftlich. So kann Geschäft mit Kunden in aller Welt gemacht werden. So lassen sich Zahlungsausfälle und verspätete Zahlungen verringern. So können Prozesse automatisiert und Personal eingespart werden. Ein Beispiel: Ein Maschinenbauer erhält eine Vergütung für die Dauer der Nutzung der Maschine. Ein Zähler misst jede einzelne Nutzung. Die Anwendung rechnet die Gebühr dafür aus. Auf dieses Signal hin wird eine automatisierte Zahlung mit dem digitalen Geld ausgeführt.
Der Verbraucher hat Vorteile
Für den Verbraucher bietet der digitale Euro mehr Vorteile als bisweilen angenommen. Statt mit einer Vielzahl von Karten, Apps und Bargeld kann er mit einem einzigen Zahlungsmittel an jeder Stelle bezahlen – und das im gesamten Euroraum. Denn der digitale Euro ist gesetzliches Zahlungsmittel. Der Geldübertrag ist deutlich anonymer als mit einer Karte oder einer Überweisung und fast so anonym wie mit Bargeld. Der digitale Euro ist mit einer Offline-Funktion ausgestattet, so er anders als Karten im Notfall auch ohne Netzverbindung oder Strom genutzt werden kann. Die übliche Vorkasse des Käufers bei Internet-Bestellungen kann entfallen, wenn in einem Smart Contract die Zahlung bei der digital festgestellten Erbringung einer Leistung automatisch erfolgt.
Abhängigkeiten werden verringert
Der digitale Euro verringert darüber unsere große Abhängigkeit von nicht europäischen Zahlungsdienstleistern. Nicht auszumalen, wenn diese aus politischen Gründen ihren Dienst in Europa einstellen würden. Der digitale Euro hingegen nutzt ausschließlich europäische Infrastrukturen und fördert so die europäische Resilienz.
Banken und Handel müssen 2029 bereit sein
Der digitale Euro wird über Banken und andere Zahlungsdienstleister bereitgestellt. Sie müssen nun die Voraussetzung für die Nutzung schaffen, etwa Wallets bereitstellen und neue Prozessketten aufsetzen. Der Handel muss die Infrastruktur installieren, um Zahlungen mit dem digitalen Euro anzunehmen. Der Aufwand dafür sollte nicht unterschätzt werden – schon in drei Jahren muss alles ausgerollt sein.
Zeit zum Handeln
Für Unternehmen ist es also Zeit, sich mit dem digitalen Euro jenseits von oberflächlichen Debatten in der Öffentlichkeit ernsthaft betriebswirtschaftlich zu befassen. Wer direkt beim Start des digitalen Euro in 2029 die Vorteile nutzen will, muss sich jetzt Klarheit über den Mehrwert für das eigene Geschäft verschaffen und gegebenenfalls mit der Vorbereitung beginnen.
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