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14Jul

Gregor Gysi im Gespräch mit Hajo Schumacher

Gregor Gysi, langjähriger Vorsitzender der LINKEN-Bundestagsfraktion und früherer Präsident der Europäischen Linken, spricht mit Hajo Schumacher nicht nur über seine Berufsalternative als Cowboy, sondern gibt auch Einblicke in seinen Alltag während des ersten Corona-Lockdowns des Jahres 2020.

Was wird Corona mit uns als Gesellschaft machen? Und wie bewertet Gregor Gysi die Hilfsprogramme der Bundesregierung? Ist er mit den Beschlüssen einverstanden oder was hätte er anders gemacht?

Im Gespräch mit Hajo Schumacher gibt er den dringenden Rat, Beschlüsse aus der Not nicht zur Dauereinrichtung zu machen, sondern sie einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen.  

Dr. Gysi verrät, was sein Vater und sein Beruf mit seinen rhetorischen Fähigkeiten zu tun haben und spricht augenzwinkernd über seine Ambitionen auf das Kanzleramt. 

Hajo Schumacher: Hallo, herzlich willkommen, Herr Gysi. Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Roland Vestring hat ja schon ein bisschen was aus Ihrem Leben verraten. Ich habe noch ein paar Sachen hinzuzufügen, insbesondere der immer wieder gern genommene Facharbeiter für Rinderzucht. Als Sie 18 waren, haben Sie Abitur gemacht an einer mathematisch orientierten Schule, Heinrich-Hertz-Oberschule, glaube ich, in Adlershof war das. Erklären Sie doch mal ganz kurz, wie macht man sein Abitur und wird gleichzeitig Facharbeiter für Rinderzucht. War das so ein duales Studium? Also ein duales Abitur?

 

Gregor Gysi: Ich sag erstmal Guten Tag, Herr Vestring, Guten Tag, Herr Schumacher.  Es gab eine vernünftige Regelung in der DDR, die leider bei der Herstellung der Einheit abgeschafft wurde, und eine Schwachsinnsregelung, die schon vorher abgeschafft wurde. Die vernünftige Regelung war eine Berufsausbildung mit Abitur, da bist du nach der zehnten Klasse von der Schule gegangen und hast drei Jahre einen Beruf erlernt und in den drei Jahren ein gleichwertiges Abitur absolviert. Wenn du dann Chemiefacharbeiter wurdest und anschließend Chemie studiertest, macht das natürlich Sinn. Aber eine Weile lang gab es, ich glaube so vier Jahre lang, eine Schwachsinnsregelung, weil Frau Honecker meinte, da wir, die Schülerinnen und Schüler der erweiterten Oberschule - heute würde man sagen, des Gymnasiums - nicht genügend mit der Arbeiterklasse verbunden sind, sollten wir nebenbei einen Beruf erlernen. Das führte dazu, dass wir jeden Montag entweder in der praktischen Ausbildung waren oder in der Berufsschule und die Hälfte der Ferien wurde uns gestrichen, weil wir da immer Praktika machen mussten. Eigentlich wollte ich Kraftfahrzeugschlosser werden, weil das in der DDR schwer war, Autos zu bekommen aber noch schwerer war es, es repariert zu bekommen und da dachte ich, wenn ich das kann, ist es ja vernünftig. Dann bestellte mich der Direktor und sagte, das ist ein LKW-Werk, da sind die Teile so groß, Arbeits- und Gesundheitsschutz verlangt, dass du mindestens 16 Jahre alt bist, du bist aber erst 14, das wird nichts. Gut, sage ich, dann nehme ich Koch. Nein, sagt er, die Berufe sind ja inzwischen vergeben. Es waren so 20 zur Auswahl. Also sagte ich, wunderbar, dann nehme ich gar keinen. Nein, sagt er, das kannst du auch vergessen. Und dann fragt er mich, einen Berliner Jungen, „wie sind denn deine Beziehungen zu Tieren?“. „Pffff, noja“ sage ich, als Berliner Junge dachte ich natürlich nur an Hund und Katze und Zoo. Und er sagt:„Ich habe sowieso nur noch den Facharbeiter für Rinderzucht.“ Aber nachdem ich den Facharbeiterbrief hatte, hat mein Vater gesagt, wenn du je in deinem Leben Asyl brauchst, kannst du deine Ausbildung zum Juristen vollständig vergessen. Aber als Cowboy bist du weltweit gefragt.

 

Hajo Schumacher: Man muss dazu sagen, einer Ihrer Vorfahren ist der Begründer der Deutschen Rassegeflügelzucht. Das heißt, in Ihnen schlummert ja doch irgendwie die Arbeit mit den Tieren. Hatten Sie damals mit den Rindern oder später mit Geflügel irgendwelche Seuchenerfahrung? Rinderwahnsinn? Schweinepest?

 

Gregor Gysi: Nein, in der DDR gab es gelegentlich die Schweinepest, aber da war ich nicht mehr tätig. Und da wurde sehr schnell abgeriegelt. Also, man widmete dem Kampf gegen Seuchen eine große Aufmerksamkeit und alles konzentrierte sich darauf. Und das Interessante ist, dass die DDR ja auch auf eine Pandemie vorbereitet war.

 

Hajo Schumacher: Das wäre jetzt meine Frage gewesen. Was haben Sie denn eigentlich die zwei Monate in Quarantäne gemacht? Ich meine, wenn wir eine Gemeinsamkeit haben, dann die: Wir brauchen die Öffentlichkeit. Wir brauchen das Licht des Publikums. War Ihnen ein bisschen langweilig?

 

Gregor Gysi: Komischerweise nicht. Ich habe damit gerechnet, dass mir die Zeit schwerfällt. Aber ich habe natürlich zwei Bereiche, wo ich immer etwas zu tun hatte. Das eine war als Bundestagsabgeordneter, das zweite war als Rechtsanwalt. Alle Abendveranstaltungen, die ich hatte, sind natürlich ausgefallen. Fast ausnahmslos. Allerdings habe ich viel so etwas gemacht, was ich jetzt gerade mit Ihnen mache. Also plötzlich wurde ja die Computerwelt entdeckt und da habe ich mehrere Gespräche dieser Art geführt. Zum Schluss war ich sogar im Panda-Theater im Prenzlauer Berg, also da waren natürlich nur wenig Leute und mit Abstand. Und die erste Veranstaltung, da befrage ich als Moderator den Grünen-Fraktionsvorsitzenden Hofreiter in Neuzelle Ende Juni. Das soll nun stattfinden, da sind dann 50 Leute verteilt und so weiter und so weiter. Ich habe natürlich plötzlich auch viel Hausarbeit gemacht. Ich war schon immer dafür, sie zu bezahlen, jetzt bin ich leidenschaftlich dafür, weil das wirklich richtig anstrengend ist. Aber wissen Sie, ich hatte Angst davor, wenn ich abends allein bin. Und ich stelle fest, ich habe gar keine Zeit. Also meine Angst vor dem Rentnerleben ist ein wenig gewichen. Und bei allen Veranstaltungen, die ich hatte, besteht das Schlimme darin, dass sie alle verschieben wollen, aber ich kriege die Monate ja nicht nachgeliefert. Ich habe ja schon so viele Termine im zweiten Halbjahr und natürlich auch im Jahr 2021, also ich weiß noch nicht, wie ich das hinkriegen soll. Aber ansonsten hat die Pandemie mich gezwungen ein etwas anderes Leben zu führen und so schlecht ist das nicht.

 

Hajo Schumacher:  Haben Sie sich manchmal auch draußen auf dem Balkon, Sie haben ja wahrscheinlich einen Balkon, gehe ich mal davon aus...

 

Gregor Gysi: Ja, ich habe dort immer gefrühstückt, ich habe dort immer zu Abend gegessen. Deshalb bin ich so braun geworden, nicht dass ich im Urlaub war.

 

Hajo Schumacher: Aber haben Sie sich draußen auf den Balkon gestellt und den systemrelevanten Arbeitnehmern zugeklatscht?

 

Gregor Gysi: Nein, das habe ich natürlich nicht gemacht, zumal ich so eine kleine Terrasse habe. Die hörten mich auch gar nicht. Aber ich habe sie überall, wo ich kann, gewürdigt. Wobei schon interessant ist, was systemrelevant ist, und was nicht systemrelevant ist.

 

Hajo Schumacher: Haben Sie den Eindruck, dass diese Wertschätzung, die ja nun auch schon zwei, drei Monate her ist, dass die noch Bestand hat. Ich meine, es gibt Einmal-Zahlungen, wir alle schwören, dass wir diese Menschen in sozialen Berufen am Ende höher wertschätzen, aber am Ende gibt es ja so eine ganz praktische Wertschätzung, die heißt Geld.

 

Gregor Gysi: Richtig. Seit Jahren, wirklich, lange vor der Pandemie, kämpfe ich um die Überwindung der Frauenberufe. Frauenberuf heißt übersetzt schlecht bezahlt, deshalb gehen wir Männer auch nicht hin. So einfach ist das. Und die Pflege ist zum Beispiel ein Frauenberuf und grottenschlecht bezahlt. Das kann man auch nicht so belassen. Da müssen nicht fünf oder zehn Prozent drauf, sondern vielleicht 50 Prozent. Das Problem ist nur, dass man darauf achten muss, dass die Beiträge nicht wahnsinnig in die Höhe schießen, die Pflegebeiträge. Also, wie kann man es machen? Indem der Staat sich entschließt, einen Zuschuss zu den Löhnen zu geben. Dann muss man noch klären, ob steuerfrei oder nicht steuerfrei, aber das ist jetzt erstmal eine Nebenfrage. So, dass die Beiträge nicht wahnsinnig erhöht werden müssen für die Pflege. Das Zweite sind die Erzieherinnen in Kindertagesstätten, das Dritte sind die Lehrerinnen an Grundschulen, nicht die an den höheren Schulen, die an den Grundschulen, die Krankenschwestern. Alles klassische Frauenberufe, was damit zusammenhängt, dass sie zu schlecht bezahlt werden und plötzlich haben wir gemerkt, wie angewiesen wir auf sie sind.  Übrigens auch auf Verkäuferinnen, auf Kassiererinnen, die mussten die ganze Zeit arbeiten, während die anderen Kurzarbeit hatten, etc., was natürlich auch wieder anstrengend ist. Ich hoffe, dass das einen Erkenntnisgewinn gibt. Aber wie ich uns kenne, kann auch Folgendes passieren: Die Pandemie ist vorüber und alles ist vergessen. Aber ich verspreche, ich vergesse es nicht. Ich werde dafür noch entschiedener eintreten als früher.

 

Hajo Schumacher: In Deutschland ist ja auch Kanzlerin ein Frauenberuf. Haben Sie sich in letzten drei Monaten ordentlich regiert gefühlt?

 

Gregor Gysi: In gewisser Weise ja, davor allerdings nicht. Und dazu muss ich Ihnen zwei Beispiele nennen. Das Eine ist der ganze neoliberale Kurs. Also, alles muss flexibel sein, alles soll privatisiert werden und alles muss sich rechnen etc., den ich ja immer schon kritisiert habe. Und nun ist ja bewiesen, dass er falsch ist. Die Privatisierung von Kliniken bringt nichts und eine Klinik muss sich nicht in erster Linie rechnen, sondern für Gesundheit zuständig sein. Das heißt, es gibt zwischen der öffentlichen Daseinsvorsorge und der übrigen Wirtschaft grundlegende Unterschiede. Öffentliche Daseinsvorsorge, das ist Bildung, Gesundheit, Wasserversorgung, Energieversorgung. Also wir haben in Berlin ein Wasserkraftwerk, stellen Sie sich vor, mir gehört das, und ich brauche Geld, dann finde ich doch eine Lösung. Also ich habe ja gar keine Konkurrenten. Es gibt ja nur mein Wasser. Entweder Sie nehmen mein Wasser oder es gibt kein Wasser. Das heißt, diese öffentliche Daseinsvorsorge gehört im Unterschied zu anderen Bereichen nicht in die Marktwirtschaft, da müssen andere Kriterien gelten. Das gilt übrigens auch - interessant - für das Wohnen, da gibt es ja auch die Auseinandersetzungen. Trotzdem finde ich das spannend, ich glaube, dass die Erkenntnis zugenommen hat, dass man die öffentliche Daseinsvorsorge nicht privatisieren muss, dass sie sich nicht rechnen muss. Natürlich muss es auch gewisse ökonomische Kriterien geben, das ist schon klar, aber dass die nach anderen Maßstäben zu gestalten ist. Das ist der eine Fehler, dass die Bundesregierung, wie auch die anderen Regierungen in der EU und weltweit immer wieder auf die neoliberale Tendenz gesetzt haben. Das Zweite ist, dass bei der Herstellung der deutschen Einheit man nicht hingeguckt hat. Was ich nicht verstehe, vieles aus der DDR musste überwunden werden, völlig klar. Aber wenn man genauer hingesehen hätte, hätte man das eine oder andere übernehmen können. Also vorhin habe ich das Beispiel genannt Berufsausbildung mit Abitur oder die Polikliniken und vor allen Dingen die höhere Gleichstellung der Geschlechter. Über 90 Prozent der Frauen waren voll berufstätig in der DDR und da gab es natürlich ein anderes Netz an Kindertagesstätten, Nachmittagsbetreuung an Schulen, Ferienspiele, etc. Aber was mich auch geärgert hat, gerade in diesem Fall, ist Folgendes: 1970, lange vor der Bundesregierung und der Weltgesundheitsorganisation, da gab es mal die Hongkong-Grippe, da kam das Gesundheitsministerium der DDR auf die Idee, dass es mal eine Pandemie geben könnte, wo sich eine Krankheit weltweit ausbreitet und ein Institut in Berlin-Oberschöneweide, also in Ostberlin, ein virologisches, wurde beauftragt, dafür zu forschen. Und die haben ein Konzept entwickelt, was man im Falle einer Pandemie machen kann. Was hat die Bundesregierung in ihrer Arroganz 1990 getan? Natürlich wurde das Institut geschlossen, Virologen wurden entlassen und das Konzept ging in den Papierkorb. Man hätte es sich vielleicht mal ansehen sollen. Was ist denn daran so schlimm, ich verstehe es nicht. Ein anderer Virologe hätte gesagt, das ist nicht dumm gedacht, das können wir übernehmen. Und der zweite Fehler, dann höre ich mit den Fehlern auch auf, bestand darin, dass 2012 Experten im Auftrag der Bundesregierung gesagt haben, was passiert, wenn eine Pandemie kommt? Dass uns Masken fehlen und Schutzanzüge fehlen und die Bundesregierung hat natürlich nüscht gekauft und hat weiter privatisiert. Ich glaube, das war ein Fehler. Trotzdem und im Vergleich zu anderen EU-Ländern steht unser Gesundheitswesen natürlich noch ziemlich gut da. Und jetzt bei den Regierungsmaßnahmen ist Folgendes zu sehen: In der Regierung sitzt nicht ein einziger Virologe. Der erste Fehler in der Politik fängt immer damit an, dass man so tut, als sei man Virologe. Ich hätte, wenn ich Bundesgesundheitsminister gewesen wäre, ein Expertengremium aus zehn Virologinnen und Virologen gebildet und zwar mit unterschiedlichen Meinungen, aber alle Experten. So und dann hätte ich immer gesagt, sie müssen sich auf einen Vorschlag einigen und immer ein anderer kommt mit mir mit zur Pressekonferenz und erklärt den Vorschlag. Und wenn sie sich nicht einigen, also ich hätte nicht immer Herrn Drosten genommen, sondern einmal Herrn Drosten, einmal einen anderen und so weiter, und dann hätte ich Folgendes gemacht: Wenn sie sich nicht einigen können, dann hätte ich die beiden mit unterschiedlichen Auffassungen, oder meinetwegen auch die drei mitgenommen zur Pressekonferenz und hätte zu jedem gesagt: „Stellen Sie Ihr Konzept vor.“ Und was mache ich jetzt, ich bin ja kein Virologe? Der eine sagt, wenn ich das nicht mache, verursache ich eine Million Infizierte und hunderttausend Tote, der andere sagt, das ist alles Quatsch und es genügt, wenn ich das und das mache, und der dritte sagt irgendwas Mittleres. Sehen Sie, mein Problem ist Folgendes, wenn er recht hätte und ich ergriffe nicht die Maßnahmen und wir haben dann tatsächlich eine Million Infizierte und hunderttausend Tote, bin ich dafür verantwortlich. Ich kann mich nicht nach ihm und nach ihm richten, ich muss mich nach ihm richten. Sehen Sie, und dann wäre das Ganze transparent geworden, dann wäre das deutlich geworden. Dann hätten die Leute nachvollziehen können, warum man welche Entscheidungen trifft. Ansonsten waren die Maßnahmen sicherlich erforderlich. Aber über eines müssen sie sich gerade neu Gedanken machen, die Zahl derjenigen, die nicht zufrieden sind, wächst. Ja, also ich denke nicht nur an die Reichsbürger oder, verstehen Sie, alles, was sich da sammelt. Auch da sind ja ganz normale Leute dabei, die das ablehnen, wissen worüber man sich Gedanken machen muss: Weshalb gibt es so wenig Vertrauen in die Politik, warum nimmt die Zahl derjenigen, die der Regierung nicht glauben, derart zu. Die glauben zum Teil auch der Opposition nicht. Also auch wir müssen uns darüber Gedanken machen. Ja und das ist doch interessant, und da komme ich immer zu denselben Schlussfolgerungen, das eine ist eine falsche Sprache – also, wenn du von einer Veräußerungsverlustgewinnsteuer sprichst...

 

Hajo Schumacher: Klar.

 

Gregor Gysi: ...dann ist denen das wurscht, weil weit über 90 Prozent nicht wissen, was damit gemeint ist. Und das Zweite ist, dass die Motive für Entscheidungen nicht angegeben werden. Wissen Sie, es ist ein Vorgang, du organisierst eine Entscheidung und sagst, wie begründe ich das jetzt der Bevölkerung, und dann versuchst du immer, dich besonders wohlfeil dazustellen. Das ist, glaube ich, falsch. Man muss die ehrlichen Motive geben. Ich nehme mal ein Beispiel, wenn ich das kurz erzählen darf, außerhalb unseres Landes. Trump, der geht aus dem Paris-Abkommen raus, was ja den Klimawandel begrenzen soll. Und wie lautet seine Begründung? Es gibt gar keinen Klimawandel, sagt er. Und er ist Experte, ich glaube, er hat zehn Jahre Meteorologie studiert, dann war er nochmal fünf Jahre am Nordpol, fünf Jahre am Südpol – also in Wirklichkeit hat er von Tuten und Blasen keine Ahnung. Wenn er gesagt hätte, ich habe fünf Konzerne, die verlieren so und so viel Profit, das gefährdet dort auch so und so viele Arbeitsplätze, deshalb ist mir der Klimawandel egal, ich gehe raus, dann hätte er ein ehrliches Motiv genannt. Macht er aber nicht. Er stellt sich hin, als sei er Experte und weiß, das Ganze findet überhaupt nicht statt. Und diese Unehrlichkeit bei der Wiedergabe von Motiven für Entscheidungen, das fällt der Politik jetzt insgesamt auf den Rücken.

 

Hajo Schumacher: Es ist mir ein wenig unangenehm, Ihnen widersprechen zu müssen, aber ich finde Trump ist noch fast der Ehrlichste in seiner ganzen Verwirrtheit oder Klarheit, was ökonomische Sachen angeht.

 

Gregor Gysi: Das stimmt. Aber gerade das Beispiel habe ich gewählt, weil er da gelogen hat.

 

Hajo Schumacher: Da haben Sie natürlich Recht. Sie haben gerade einen schönen Vorschlag gemacht mit dem Virologen-Gremium und Politik anschaulicher erklären, das heißt mit anderen Worten, eigentlich müssten Sie ja auch nochmal Kanzler werden, Herr Gysi. Nun guck ich mir die Zahlen an, es gibt Annäherungen im rot-rot-grünen Bereich. Ihre Partei, die Linke, tja Pandemie hin oder her, steht da irgendwo bei unter zehn Prozent knapp, so in etwa. Keine Ahnung, was den Wähler umtreibt, bei den anderen geht es mal zehn rauf, zehn runter, bei Ihnen liegt das wie ein Brett. Nun sagen wir mal, die SPD kommt so auf knapp 20 Prozent und die Grünen noch auf ein bisschen mehr, dann kommen wir zusammen auf so etwas wie 45. Das könnte reichen für eine Bundesregierung. Dann wären Sie aber der kleinste Partner, das heißt, einen Kanzler Gysi können wir ausschließen. Aber sehen sie realistische Chancen für rot-rot-grün mit Job Sharing Habeck-Baerbock? 

 

Gregor Gysi: Also erstens war Konrad Adenauer als er Kanzler wurde 73, ich bin erst 72, insofern habe ich ja noch alle Chancen.

 

Hajo Schumacher: Es besteht Hoffnung.

 

Gregor Gysi: Also, außerdem könnte es doch sein, dass SPD und Grüne sagen, wir wollen den Gysi. Das glaube ich aber nicht. Also nein, es gibt Chancen, wenn es eine entsprechende Veränderungsstimmung in der Bevölkerung gibt. Das kann ich noch nicht sagen. Einfach nur weil es sich rechnet, das reicht nicht aus, sondern es muss ein Druck aus der Bevölkerung und aus der Öffentlichkeit geben, jetzt Dinge anders zu machen. So, wie das war bei der ersten Regierung von Willy Brandt, also von der SPD geführt. Da gab es diesen Druck, weil die Außenpolitik der Union an ihr Ende gekommen war. Also die Nicht-Beziehung zu Osteuropa, es ging so nicht weiter. Das ist interessant, das kann ich noch nicht einschätzen, weil die Zeit viel schnelllebiger ist. Wie die Stimmung, sagen wir mal, im September nächsten Jahres ist, ist heute noch nicht einzuschätzen. Das Zweite ist, es muss natürlich zahlenmäßig gehen und dann muss man sich verständigen. Ich glaube die Bereitschaft in der SPD wächst, weil sie merken, als Anhängsel der Union verliert sie immer mehr an Substanz. Außerdem ist sie ja auch den neoliberalen Weg gegangen, den ich als falsch empfinde und da gibt es ja nun doch eine zunehmende Zahl an Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die diesen Weg auch anzweifeln. Bei den Grünen ist es etwas schwerer, weil ein Teil liebäugelt ja auch mit der Union, ein anderer Teil mit der SPD. Wenn sie allerdings stärker als die SPD sind, dann wollen sie es aber auf jeden Fall, weil sie ja dann den Kanzler stellen. ­­ Darf man nicht vergessen. Deshalb sage ich, das ist offen. Und meiner Partei sage ich immer, sie muss dazu bereit sein und folgenden Grundsatz beherrschen: Wer nicht kompromissfähig ist, ist auch nicht demokratiefähig und wer zu viele Kompromisse macht, gibt seine Identität auf. Was ist der richtige Weg? Und da sage ich immer: Alle Schritte müssen in die richtige Richtung gehen, sie können nur kürzer sein, als wir sie uns vorgestellt haben. Wenn man aber Schritten in die falsche Richtung zustimmt, dann macht man sich unglaubwürdig. Ich nehme ein Beispiel: Wir sind für das Verbot von Rüstungsexporten. Nun, das werden wir bei SPD und Grünen nicht durchsetzen. Aber, wenn wir durchsetzen, es werden keine Rüstungsgüter mehr an Diktatoren und an kriegführende Staaten geliefert, dann wäre das schon ein enormer Fortschritt im Vergleich zu heute. Das heißt, das wäre nicht der vollständige Schritt, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Also so ungefähr stelle ich mir das vor. Am schwersten, sage ich Ihnen jetzt schon - es wird alles schwierig, Steuergerechtigkeit, Sozialleistungen, alles wird schwer - aber wie wir uns bei den Truppen im Ausland verständigen, das weiß ich noch nicht.

 

Hajo Schumacher: Sie meinen Auslandseinsätze der Bundeswehr?

 

Gregor Gysi: Ja.

 

Hajo Schumacher: Aber Donald Trump kommt Ihnen ja womöglich entgegen, wenn er jetzt die amerikanischen Soldaten aus Deutschland abziehen will, Die NATO hat vielleicht nicht mehr ganz die Bedeutung, die sie mal hatte. Alles wird europäischer, also ich sag mal, die internationale Politik kommt rot-rot-grün entgegen, oder?

 

Gregor Gysi: Das kann sein. Warten wir es ab. Ich hoffe natürlich, wie Sie auch, aber ich bin nicht sicher, dass Biden Trump ablöst. Nicht, dass ich den für eine wahnsinnige Glanzfigur halte, aber es ist immer alles relativ, nicht? Das habe ich so gelernt. Eine Weile lang habe ich es nicht geglaubt, aber es gibt zwei Sachen: Die Pandemie beherrscht Trump nicht, da hat er sich völlig vergaloppiert, das könnte sein, dass er an Stimmen verliert, und dazu kommt jetzt vielleicht noch sein Vorgehen gegen die Demonstranten, die gegen Rassismus vorgehen. Das hat er abgekupfert von Nixon, der war damit erfolgreich. Nach der Ermordung von Martin Luther King ist der auch hart dazwischen gegangen. Aber ich glaube, die Gesellschaft in den USA hat sich verändert. Ich weiß nicht, ob das, was bei Nixon funktioniert hat, heute noch bei Trump funktioniert. Also ich bin da unsicher. Aber zurück zu Ihrer eigentlichen Frage. Ich finde ja, dass die Chancen beim Zwei-Plus-Vier-Vertrag zu wenig genutzt worden sind. Deutschland, unsere Geschichte, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Nazi-Diktatur, die Spaltung Deutschlands als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges. Jetzt haben wir das überwunden. Hätten wir nicht sagen können, wir wollen zum Hauptvermittler werden? Zum Hauptvermittler für Frieden? Sehen Sie mal, die neutralen Staaten, die das früher gemacht haben, die machen das nicht mehr. Das ist gar nicht mehr deren Rolle. Also ganz ausnahmsweise mal, aber im Kern machen sie das nicht mehr. Und ich finde, das wäre eine schöne Rolle geworden. Naja, stattdessen werden wir Schritt für Schritt zum Weltpolizisten. Das halte ich für eine Fehlentwicklung. Nun zu den USA. Es gab ja Geheimverträge als der Besatzungsstatus in Paris, ich glaube 1952, aufgehoben wurde, und die galten weiter. Dann hat man plötzlich festgestellt, Zwei Plus Vier hat die gar nicht abgelöst, die Geheimverträge gelten immer noch. Da haben wir Fragen an die Bundesregierung gestellt und da hat sie gesagt, es gab jetzt, im Sommer 2013 einen Notenaustausch zwischen Deutschland und den USA, dass die Verträge nicht mehr gelten. Okay, damit sind wir nun vollständig souverän. Und ich weiß nicht, ob unsere Sicherheit dadurch erhöht wird, dass wir Atomwaffen der USA auf Ramstein haben. Stellen Sie sich mal vor, der Trump hat gesagt, er will jetzt ganz kleine Atombomben bauen, die man, sagen wir mal, in Russland abwerfen kann, ohne dass Nachbarländer davon betroffen sind. Stellen Sie sich mal vor das passiert von Ramstein aus. Dann wird Russland antworten gegen Deutschland, gegen Ramstein. Die müssen ja das Lager da zerstören. Dann gehen wir drauf. Deshalb bin ich, wie der SPD-Fraktionsvorsitzende, ganz entschieden für den Abzug der Atomwaffen der USA aus Deutschland. Dann jammern viele und sagen, dann sind wir nicht mehr in der nuklearen Teilhabe. Ich sag mal kurz, was das heißt. Das bedeutet, dass man in der NATO sich berät, wann man wie, vielleicht zur Not, Atomwaffen einsetzt. Das stimmt nicht, dass wir nicht dabei sind. Ich meine, ich bin gar nicht unbedingt dafür, aber wenn man unbedingt dafür ist, kann man das machen. Es gibt zwei NATO-Mitglieder, die nehmen an der nuklearen Teilhabe auch teil, nämlich Griechenland und Kanada - und besitzen keine einzige Atomwaffe, weder der Briten, noch der Franzosen, noch der USA auf ihrem Territorium und auch keine eigenen. Also dieser zwanghafte Zusammenhang besteht überhaupt nicht. Wenn dann immer gesagt wird, die USA könnten dann versuchen die Atomwaffen in Polen zu stationieren und auch die Soldaten dorthin schicken, dann sag ich immer, da muss die polnische Gesellschaft drüber diskutieren, weil sie dann die Antwort von Russland bekommt, ob sie das wollen. Und dann werden die Russen ja auch kleine Atomwaffen entwickeln, die man einsetzen kann, ohne dass die Nachbarländer getroffen werden. Also mit anderen Worten, ich habe heute eine schöne Nachricht gelesen, dass es doch wieder Abrüstungsgespräche geben soll zwischen den USA, Russland und China. Es wird auch höchste Zeit. Und ich glaube nicht, dass wir amerikanische Atomwaffen in Deutschland benötigen. Seit zumindest 1990 benötigen wir sie nicht mehr.

 

Hajo Schumacher: Herr Gysi, Sie waren in der DDR einer der wenigen freien Anwälte. Sie haben unter anderem Ausreisewillige und Systemkritiker wie Robert Habermann, Bärbel Bohley, verteidigt. Wenn Sie sich das Video, was Sie ja vermutlich gesehen haben, George Floyd in Minneapolis, drei Polizeibeamte knien dem armen Mann auf dem Rücken, im Nacken, fast neun Minuten lang. Würden Sie als Anwalt, als Jurist sagen: Das war Mord?

 

Gregor Gysi: Nun ist es so, ich weiß nicht genau, wie Mord in den USA definiert ist. Ich weiß nur, wie Mord bei uns definiert ist.  Und da ist es ein bisschen schwierig, denn da steht drin, du musst aus Mordlust handeln oder um eine andere Straftat zu verdecken, oder aus niederen Beweggründen, oder etc. Wenn überhaupt kämen nur die niederen Beweggründe in Frage: Wenn ich so überlegen bin wie der Polizist dem Festzunehmendem und ich stürze mich einen Moment auf seinen Hals, dann mag das noch hingehen. Aber über neun Minuten, dann weiß ich, dass der irgendwann tot ist. Ich würde sagen, ein vorsätzliches Tötungsdelikt ist es auf jeden Fall. Bei uns kämen eventuell niedrige Beweggründe in Frage und dann wäre es Mord und nicht Totschlag. Und Totschlag ist milder als Mord, klar.

 

Hajo Schumacher: Es ist nicht der erste Fall von Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten. Wir erleben Demonstrationen und aufständische Situationen. Joe Biden, Sie haben ihn schon genannt, hat gesagt, das ist jetzt der große Drehpunkt, jetzt wird sich was ändern in den USA. Das haben wir ja schon ein paar Mal gehört. Glauben Sie, dass das ja durchaus strukturell vorhandene Rassismusproblem in den USA jetzt wie auch immer angegangen wird.

 

Gregor Gysi: Also, wir haben natürlich unterschiedliche Entwicklungen in den USA. Also man darf ja immer nicht vergessen. Die USA wird bewohnt von lauter Migranten. Die sind ja da alle mal hin geflohen, da wohnten ja ursprünglich nur Indianer, und die wurden als erste unterdrückt. Und das ist merkwürdigerweise bis heute nicht richtig aufgearbeitet worden. Dass es noch immer Reservate für die Indianer gibt, das ist nun überhaupt nicht mehr zeitgemäß. In Wirklichkeit müsste man sie für eine Gleichstellung privilegieren. Schulisch privilegieren und in vielen anderen Bereichen, was nicht passiert. Dann wurden die Sklaven geholt aus Afrika, das waren die Schwarzen und die wurden immer unterdrückt. Dann gab es ja sogar einen Krieg zwischen den Nord- und den Südstaaten in der Frage, wie weit man bei der Unterdrückung gehen darf. Ob die Sklaverei abgeschafft wird, oder nicht. Und da sind in dem Abkommen so viele Kompromisse mit den Südstaaten getroffen worden, was sie noch dürfen, was in den Nordstaaten nicht ging, dass es ein dauernder Widerspruch war. Und dann haben wir Phasen erlebt, ich mache es mal ganz kurz. Das erste war Martin Luther King, der sagte, er will, dass die Menschen endlich gleichberechtig sind und seine berühmte Rede hielt, die natürlich Wirkung gezeigt hat. Dann wurde er aber ermordet und da ist eben Nixon gegen die Demonstranten sehr hart vorgegangen. Es könnte sein, dass wir insofern eine neue Situation haben, als dass die Schwarzen selbstbewusster geworden sind, dass sie sich das nicht mehr bieten lassen. Und, dass es auch eine zunehmende Zahl Weiße gibt, die sagen, das ist für mich kein Maßstab, die Hautfarbe. Für mich ist der Charakter entscheidend, die Intelligenz. Das ist zumindest meine Hoffnung, dass sich da wirklich etwas ändern könnte. Wenn Trump wiedergewählt wird, wird sich diesbezüglich nichts ändern. Wird er nicht wiedergewählt, steht der Biden unter Druck, weil er wird ja gerade auch in New York gewählt und in lauter demokratisch geführten Bundesstaaten und die werden dann nicht nachlassen, weil wissen Sie, es gibt immer Zeiten, in denen plötzlich die Reife da ist, ein Problem zu lösen. Ich vergleiche das mal bei uns mit der Frauenbewegung. Die war ganz klein am Anfang, war chancenlos, die Männer haben sich lustig gemacht, und so weiter. Und plötzlich, man weiß immer gar nicht genau, was jetzt der Anlass ist, es gibt plötzlich so einen Durchbruch und alle sagen, jetzt muss es überwunden werden. Bis in die CDU hinein, die ja früher immer konservativ dagegengehalten hat, aber das macht sie auch nicht mehr. Das heißt, der Zeitgeist kann sich verändert haben in den USA. Aber ich bin natürlich ein Zweckoptimist. Und weil ich ein Zweckoptimist bin, glaube ich immer, dass das Gute obsiegt, aber das muss natürlich nicht stimmen.

 

Hajo Schumacher: Liebe Zuhörende und Zuschauende  - Sie merken, dass ich das ordentlich gegendert - habe, wenn es Fragen gibt, die sie an Dr. Gregor Gysi richten möchten, ach, was haben wir denn alles noch nicht gestreift? Ihre Beobachtung durch den Verfassungsschutz zum Beispiel, habe ich auch noch nicht geschafft. Oder die Frage meiner Frau, von der ich Sie herzlich grüßen soll, warum denn in Ostdeutschland die Infektionszahlen so deutlich niedriger sind als im Westen. Ist der Ossi irgendwie stabiler?

 

Gregor Gysi: (schmunzelt) Wir sind einfach widerstandsfähiger. Es gibt amerikanische und irische Wissenschaftler, die behaupten, es läge daran, dass wir eine Pflichtimpfung hatten in der DDR gegen Tuberkulose und in der Bundesrepublik war sie freiwilliger Natur. Und die behaupten, dass sie festgestellt hätten, dass die gegen Tuberkulose Geimpften viel seltener infiziert werden als andere. Das hat natürlich das Robert-Koch-Institut direkt bestritten. Ich kann Ihnen auch sagen warum, weil die vor drei Jahren gesagt haben, Tuberkulose gibt es nicht mehr, wir können die Impfung einstellen. Wenn sich nun aber herausstellt, dass die Impfung den Nebeneffekt hat, womit man gar nicht gerechnet hat, gibt man das eben nicht gerne zu, auch nicht als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler. Aber das weiß ich nicht, ob das der Grund ist. Aber es gab natürlich viele Impfungen in der DDR, das ist wahr, und es gab, was uns in einer Hinsicht wirklich unempfindlicher gemacht hat, das hat aber damit nichts zu tun, es gab ja nie eine Behandlung von Lebensmittel. Also, Lebensmittel gab es immer nur frisch, deshalb gab es Kirschen auch nur zur Kirschen-Zeit, nicht im November, etc. Und das ist wirklich interessant, bei der Herstellung der Vereinigung nahmen in meinem Wahlkreis Berlin-Marzahn-Hellersdorf die Lebensmittelallergien um 40% zu. Was man in der DDR kaum kannte, dafür kannten wir Umweltvergiftungen noch und nöcher. Ich will das gar nicht besser machen. Das ist interessant. Und ich glaube eben, dass dieses Konservieren von Lebensmitteln letztlich nicht der richtige Weg ist. Aber ob das der Grund ist? Ich sage, wir sind widerstandsfähiger, sind ja auch hart geprüft worden.

 

Hajo Schumacher: Absolut. Haben Sie den Eindruck, dass die Wende so eine Art Training war für außergewöhnliche Lebensumstände? Das war ja in dieser Pandemie-Zeit, in der Quarantäne-Zeit ja auch so. Es war eine sehr ungewöhnliche, wie würde man sagen, Disruption.

 

Gregor Gysi: Wir Ostdeutsche haben zwei Erfahrungen gemacht. Das Eine ist, extreme Situationen zu erleben und sich darauf irgendwie einzustellen und das Zweite ist, nicht mehr zu glauben, dass alles hält. In der DDR bist du ja immer davon ausgegangen, die bleibt so wie sie ist, also im Kern. Und plötzlich stürzt alles zusammen. Das hat ja vorher so gut wie niemand geglaubt. Und deshalb sind sie sich eben auch nicht sicher, ob die Strukturen, die wir heute haben, so bleiben. Nur es gibt ja immer zwei Wege: Nach der Pandemie, werden wir solidarischer? Begreifen wir, dass vieles nur multinational zu bekämpfen ist? Oder werden wir egoistischer? Nimmt der nationale Egoismus zu, nach dem Motto, die Krankheit kommt ja aus dem Ausland. Beides wäre möglich. Ich kämpfe natürlich für das Erste. Und eine Sache, da müssen wir wirklich alle drauf aufpassen, auch Sie in den Medien, in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in Gewerkschaften, in Kirchen: Alle Einschränkungen der Grundrechte, alle, müssen rückgängig gemacht werden. Was man in der Not beschließt und sagt, das ist jetzt notwendig, darf nie Bestand haben, wenn die Not vorbei ist. Wenn man dann sagt, das hat sich doch aber bewährt, dass wir das so machen - da sage ich sogar etwas gegen meine Interessen - Sie wissen, ich war immer ein Gegner der schwarzen Null, ich meine, dass wir Investitionen brauchen, insbesondere für die Jungend, die Kinder, für die Zukunft. Trotzdem, in der Not wurde beschlossen, die schwarze Null auszusetzen, deshalb muss es zurückgenommen werden. Dann möchte ich allerdings einen demokratischen Prozess haben, wo sich vielleicht die Mehrheit dazu entscheidet, die schwarze Null zu überwinden, was die Zukunftsinvestitionen betrifft. Aber was man in der Not beschließt, darf man nie behalten. Auch nicht das, was einem gefällt, sondern man muss es zurücknehmen und sagen, so jetzt diskutieren wir nochmal neu darüber, ob das Sinn macht oder keinen Sinn macht.

 

Hajo Schumacher: Hier haben wir eine anonyme Frage, weil sie so brisant ist: Ihr persönliches Ranking der Kanzlerkandidaten. Also, wer folgt nach Ihnen auf den Plätzen zwei bis x? Sehen Sie Herrn Laschet, Herrn Söder vorn? Kommt Frau Kramp-Karrenbauer nochmal aus der Kiste? Wird Frau Merkel sich womöglich nochmal durchringen?

 

Gregor Gysi: Nein, nein, ich glaube nicht, dass Frau Merkel sich noch einmal durchringt. Das wäre ein Grottenfehler. Man muss immer wissen, wann auch die Zeit vorbei ist. Das ist ja eine Schwäche in der Politik. Wenn der Kohl in der Mitte seiner letzten Legislaturperiode gesagt hätte, er hört zum Ende auf, wäre er mit Glanz und Gloria gegangen. Nein, er muss sich abwählen lassen. Genauso Frau Merkel, sie ist zwar Kanzlerin geblieben, aber sie hat sich erstmal eine Wahlniederlage organisiert. Und ich bin da wirklich ein bisschen anders. Ich hatte mir eben vorgenommen, 2015 höre ich auf als Fraktionsvorsitzender. Ich hätte natürlich auch nochmal kandidieren können. Wahrscheinlich hätten sie mich auch gewählt bis zu meinem 90. Lebensjahr. Ich hätte dann nur Schnee erzählt, das hätten Sie gemerkt, aber ich ja nicht, verstehen Sie. Ich wäre mit meinem Reden zufrieden gewesen und hätte gesagt, was maulen die denn da alle rum (lacht)? Das ist die eine Kunst. Jetzt aber zu den geeigneten Persönlichkeiten. Es ist immer schwer, sich Leute, die eine Funktion nicht haben sich in der Funktion vorzustellen. Vielleicht macht der Habeck es gar nicht so schlecht, wenn er es macht, aber ich weiß es nicht, ich kann es nicht einschätzen. Söder ist ein Macher. Das heißt, ein Macher ist jemand, der ungeheuer aktiv wird, wenn sowas wie die Pandemie ausbricht. Also, mit dieser Entscheidung, mit jener Entscheidung. Ob er so ein strategisch Denkender ist in weitere Zeiträume, habe ich meine Zweifel. Laschet ist ein Netter, das heißt...

 

Hajo Schumacher: ...damit fällt er raus...

 

Gregor Gysi: Er strahlt ja auch so eine Sympathie aus. Wie er nun als Kanzler wird, kann ich mir auch nicht richtig vorstellen. Aber wissen Sie, letztlich gehe ich davon aus, die Wählerinnen und Wähler entscheiden über die Mehrheitsverhältnisse, davon hängt dann ab, wer Kanzlerin oder Kanzler wird. Dann werden wir das erleben. Bevor es Frau Merkel wurde, hat es Frau Merkel doch auch keiner zugetraut. Und bei Kohl auch nicht (lacht).

 

Hajo Schumacher: Das heißt Habeck, Söder, Laschet sind jetzt so Ihre drei, die Sie für 2021 erwarten.

 

Gregor Gysi: Naja, ich weiß nicht, zum Beispiel der Fraktionsvorsitzende der SPD, der ist ja auch so ein Bescheidener.

 

Hajo Schumacher: Freunde dürfen Mütze zu ihm sagen.

 

Gregor Gysi: Ja, wissen Sie, auch der muss ja nicht ungeeignet sein. Das Problem ist nur, er muss dann etwas wider seine Natur handeln. Du bist dann der Chef, du musst Entscheidungen treffen, auch solche, die du vielleicht gar nicht gerne triffst. Es gibt eine Sache in der Politik, die man nicht unterschätzen darf. Das ist das Wirken nach innen und das Wirken nach außen. Es gibt Politikerinnen und Politiker, die können hervorragend nach außen wirken, also in den Medien, auf Kundgebungen...

 

Hajo Schumacher: Sagen wir mal Friedrich Merz.

 

Gregor Gysi: Nach innen, so einen Apparat leiten, das ist dann eher furchtbar.

 

Hajo Schumacher: Sagen wir mal Friedrich Merz.

 

Gregor Gysi: Das sagen Sie, nicht ich. Dann gibt es Leute, die können nach innen unheimlich wirksam sein, aber nach außen fehlt. Und dann gibt es ganz wenige, die beides können.

 

Hajo Schumacher: Eine perfekte Selbstbeschreibung (beide lachen). Ich habe hier noch eine Frage. Vielen Dank für die Zeit an alle Beteiligten. Herr Gysi ist ein starker Rhetoriker, natürlich macht Übung den Meister, aber haben Sie irgendwelche Tipps, Bücher oder sonstige Anleitungen, wie man ein so toller Redner wird wie Sie, Herr Gysi?

 

Gregor Gysi: Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, mein Vater war ein toller Redner und das führte dazu, dass mir als Kind schon etwas Besonderes einfallen musste, wenn ich mal dazwischen gehen wollte. Das schult, weil du gefordert bist. Das Zweite war der Anwaltberuf in der DDR. Da war es meistens so, der Staatsanwalt hat gesprochen und danach war ich gleich dran. Das heißt, gar keine Vorbereitungszeit. Und dann musste ich zu 18 Anklagepunkten sprechen. Das musst du im Kopf erstmal sortiert bekommen und dann dazu sprechen. Und ich war besonders gefordert. Als ich anfing als Anwalt, war es so, dass die Staatsanwälte fast immer recht bekommen haben vom Gericht. Du konntest dann in zweiter Instanz mal was erreichen mit einer Berufung. Aber später dann nicht mehr. Da kam eine neue Richter-Generation und die wollten selbstständiger entscheiden und da machte das auch viel mehr Spaß. Und da wusste ich, ich muss immer doppelt so gut sein wie der Staatsanwalt, wenn ich ein Gericht überzeugen will. Und dann gibt es noch zwei Sachen, die man nicht beachtet. Die Frage ist, sprichst du für die Schöffen, also die Laienrichter, oder sprichst du für den Profi, den Berufsrichter. In erster Linie musst du für den Berufsrichter sprechen, denn wenn du den überzeugst, kriegst du meistens auch die Schöffen überzeugt. Wenn du aber weißt, du kriegst ihn nicht überzeugt, dann musst du für die Schöffen sprechen, damit es wenigstens schwer wird. Einmal in der DDR habe ich es geschafft, dass die beiden Schöffen den Berufsrichter überstimmten und er einen Freispruch machen musste, den er nicht machen wollte. Das war ein ganz schönes Erlebnis. Leider in zweiter Instanz korrigiert.

 

Hajo Schumacher: Das sind natürlich jetzt sehr exklusive Tipps. Erstens besorgen Sie sich einen Vater, der ein guter Rhetoriker ist, und zweitens werden Sie Anwalt in der DDR und üben Sie sich darin.

 

Gregor Gysi: Aber als Anwalt in der Bundesrepublik müssen Sie das auch lernen. Man kann auch zur Not diesen Weg gehen (lacht).

 

Hajo Schumacher: Okay, aber man muss Jurist werden. Hier ist noch eine Frage, Herr Gysi: Vermissen Sie Sahra Wagenknecht?

 

Gregor Gysi. Oder auch Journalist. Ich bewundere die Journalisten bei Sportereignissen. Haben Sie noch nie gesehen, beim Bogenschießen bei der Olympiade? Ich meine, die meisten waren noch nicht beim Bogenschießen und dann reden sie darüber. Also das imponiert mir schon. Und Sie dürfen nicht vergessen, das umgefallene Tor von Jauch.

 

Hajo Schumacher: Absolut. Ein Tor würde dem Spiel gut tun. Sagen Sie, vermissen Sie Sahra Wagenknecht?

 

Gregor Gysi: Sie sitzt ja nach wie vor in der Fraktion. Sie ist doch wichtig für Die Linke, weil sie kann zum Beispiel sehr gut öffentlich auftreten. Wir haben eben was Flüchtlinge betrifft eine Meinungsverschiedenheit. Ich hoffe, dass wir uns diesbezüglich noch verständigen.

 

Hajo Schumacher:  Allerletzte Frage bevor wir, wenn ich keine andere Order kriege, auf die Schlussziellinie biegen. Konjunkturpaket der Bundesregierung. Wenn Sie die Kanzlerin beraten hätten, welchen Teil hätten Sie da noch mit eingebaut oder weggelassen?

 

Gregor Gysi: Also ich finde, wir brauchen Investitionen in die Zukunft.  Das heißt, natürlich muss die Infrastruktur sich entwickeln. Das geht nicht, dass Brücken zusammenbrechen, Straßen nicht mehr benutzbar sind. Ganz viele Investitionen brauchen wir tatsächlich in die Bahn, weil das ein Zukunftsverkehrsmittel ist. Bei den Autos hätte ich auf Wasserstoffautos gesetzt. Das ist nun wirklich ökologisch, eine geniale Erfindung. Das Problem ist nur, wenn ein Auto über 100.000 Euro kostet, ja wer kann sich denn das leisten? Das heißt, da muss wirklich investiert werden. Die Elektroautos überzeugen mich nicht richtig, weil die Batterien ein großes ökologisches Problem sind. Schon bei der Herstellung und erst recht, wenn sie dann recycelt werden müssen. Das hätte ich gemacht. Und vor allen Dingen, ganz wichtig jetzt, Gesundheitswesen und Bildung. Sehen Sie, wir sind ein rohstoffarmes Land. Unsere Gold- und Erdölvorkommen sind sehr begrenzt. Das Einzige was wir wirklich haben, ist Bildung. Und die OECD stellt immer wieder fest, dass unsere Mittel für Bildung unterdurchschnittlich sind im Vergleich zu allen anderen Mitgliedern der OECD. Das ist doch indiskutabel, wir müssten überdurchschnittlich sein. Und dann müssen wir das Kooperationsverbot - also wir haben 16 Bundesländer deshalb 16 verschiedene Schulsysteme - das war zur Zeit der Postkutsche schon ein gewisser Fortschritt, aber mit dem 21. Jahrhundert hat das nun gar nichts mehr zu tun. Also aus dem Kooperationsverbot müssen wir ein Kooperationsgebot machen, das heißt Mecklenburg-Vorpommern und Bayern haben sich zu verständigen, wie wir die Bildung entwickeln, so schwer es auch sein mag. Und selbst Thüringen und Bayern haben sich zu verständigen, noch spannender, also mit anderen Worten: Es geht einfach nicht, dass die Kinder entweder eine bessere oder schlechtere Bildung haben, je nachdem wo die Eltern einen Job bekommen. Dann wieder neoliberal flexibel, die sollen immer umziehen, der Ingenieur und die Lehrerin, wo sie eben gebraucht werden, eben von Thüringen nach Schleswig-Holstein und dann wieder nach Bayern. Wenn sie drei schulpflichtige Kinder haben, müssen sie denen praktisch den ganzen Bildungsweg versauen. Das geht so nicht, da hätte ich investiert. Natürlich muss die Wirtschaft wieder angekurbelt werden, das ist schon wahr, aber immer wenn der Staat investiert - deshalb bin ich auch so ein Gegner der schwarzen Null - in die Zukunft investiert, kurbelt er auch die Wirtschaft an. Es muss ja jemand bauen, es muss ja jemand reparieren. Das sind, finde ich, wirksame Mittel, auch für die Wirtschaft.

 

Hajo Schumacher: Letzte Frage: Hinter Ihnen hängt so ein Bild, Herr Gysi, das sieht aus wie ein originaler Caspar David Friedrich. Mit Ihren Honoraren kauft man sowas locker mal eben.

 

Gregor Gysi: Das hier (zeigt auf das Bild hinter sich)? Das ist natürlich kein originaler Caspar David Friedrich, dann wäre ich ja Millionär oder sowas. Ne, das ist ein schönes Bild, habe ich von meiner Mutter. Hinten steht auch der Maler drauf. Aber jetzt drehe ich das nicht um, weil ich mir Namen leider nicht merken kann. Er ist leider kein weltberühmter, bekannter Maler, aber ich finde das Bild schön.

 

Hajo Schumacher: Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war Dr. Gregor Gysi. Man darf sagen, zu Lebzeiten eine Legende. Ganz herzlichen Dank, eine sehr unterhaltsame Dreiviertelstunde.