23. September 2026 in Künstliche Intelligenz

Rechenzentren als globale Machtfrage: Deutschlands später Aufbruch

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker

Rechenzentren als globale Machtfrage: Deutschlands später Aufbruch

Im März 2026 hat die Bundesregierung ihre erste Nationale Rechenzentrumsstrategie beschlossen, ein Vorhaben, das lange erwartet worden war und das im Koalitionsvertrag fest verankert ist. Bis 2030 soll die gesamte Rechenzentrumskapazität mindestens verdoppelt und die Kapazität für künstliche Intelligenz und Hochleistungsrechnen sogar mindestens vervierfacht werden, getragen von 28 Maßnahmen, die sich auf Energie, Flächen und technologische Souveränität verteilen.

Ein Hochsprung von niedrigem Niveau

Wie ambitioniert dieses Ziel tatsächlich ist, zeigt sich erst im Vergleich: Deutschland verfügt derzeit über weniger als zwei Prozent der globalen Kapazität für KI-Rechenleistung, obwohl das Land rund vier Prozent zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Bei der gesamten Rechenzentrumsleistung kommt Deutschland auf etwa drei Gigawatt, während die Vereinigten Staaten bereits rund 48 Gigawatt erreichen. Selbst eine Vervierfachung würde diesen Abstand also kaum verringern, zumal auch die internationale Konkurrenz immer weiter aufrüstet. Die Zielmarken selbst beruhen dabei nicht auf bloßen Schätzungen, sondern auf Modellrechnungen von Thinktanks und Beratungshäusern, die je nach Ambitionsniveau einen Bedarf zwischen 0,8 und 5,9 Gigawatt bis Ende 2028 errechnen, eine Spannbreite, die vor allem zeigt, wie unsicher die Prognosen zur Verbreitung von KI und damit verbundener Rechenzentrumsleistung nach wie vor bleiben.

Kein deutscher Wettlauf um die größten Sprachmodelle

Während die US-amerikanischen Technologiekonzerne allein in diesem Jahr Investitionen von zusammen rund 650 Milliarden Dollar planen und die Volksrepublik China über fünf Jahre etwa 295 Milliarden Dollar in ein staatlich gelenktes Netz aus KI-Rechenzentren steckt, verzichtet die deutsche Strategie bewusst auf den Anspruch, mit einem eigenen Spitzenmodell gleichzuziehen. Ein solches Vorhaben würde einen Kapitalaufwand erfordern, den kaum ein europäisches Unternehmen allein stemmen könnte. Stattdessen richtet sich der Blick auf die Kapazität, die für die Nutzung von KI-Anwendungen in Wirtschaft und Verwaltung gebraucht wird, auf branchenspezifisch trainierte Modelle, die mit den umfangreichen Produktions- und Maschinendaten der deutschen Industrie arbeiten, sowie auf souveräne Rechenkapazität für besonders sensible Bereiche wie kritische Infrastruktur, Gesundheitswesen und Verteidigung. Dieser industrielle Datenschatz gilt nach wie vor als echter europäischer Standortvorteil, wobei Experten das Zeitfenster, in dem er sich gewinnbringend für die nationale Wirtschaft nutzen lässt, bevor andere Länder aufholen, auf lediglich zwei bis vier Jahre schätzen.

Souveränität bleibt ein Kontinuum

Wie schwer vollständige digitale Unabhängigkeit dabei zu erreichen ist, zeigt das Beispiel des französischen KI-Unternehmens Mistral, das seine Partnerschaft mit dem amerikanischen Konzern Microsoft im Juli 2026 noch einmal deutlich ausgeweitet hat. Auch wenn dies offiziell mit digitaler Souveränität begründet wird, vertieft sich die Abhängigkeit von einem US-Hyperscaler dadurch eher, als dass sie abgebaut würde. Realistischer erscheint deshalb zumindest zunächst eine abgestufte Souveränität geordnet nach Kritikalität, bei der Europa vor allem dort eigene Kontrolle behält, wo es besonders auf Datenschutz, Verfügbarkeit und Sicherheit ankommt, während man in weniger sensiblen Bereichen zunächst weiterhin auf globale Anbieter angewiesen bleibt. Vertiefte weitere technologische Abhängigkeiten werden sich vermutlich erst in den kommenden Jahren weiter reduzieren lassen, da sie über Jahrzehnte zuvor mehr oder weniger gezielt aufgebaut wurden.

Im Ergebnis liefert die neue Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung damit erstmals einen kohärenten Rahmen mit konkreten Zahlen und Fristen, ohne dass Deutschland dadurch jedoch automatisch zur IT-Weltspitze aufschließen würde. Ob daraus mehr wird als ein gut gemeinter politischer Plan, entscheidet sich vor allem an der Geschwindigkeit, mit der Genehmigungen erteilt, Flächen ausgewiesen und Energiepreise wettbewerbsfähig werden, ohne dabei jedoch ökologische und gesellschaftliche Belange außer Acht zu lassen, die zurzeit in den Vereinigten Staaten innenpolitisch intensiv diskutiert werden und dort aller Innovation zum Trotz bereits zu deutlichen Verwerfungen führen.